Hochprofessionell, hochmotiviert, hochqualifiziert, multimedial versiert – so sehen nach der Überzeugung von Medienexperten und Medienmachern die Zukunftsanforderungen an Journalisten aus. Das zeigte der Journalistentag des DJV-Landesverbandes NRW, zu dem am 26. November 2011 fast 500 Journalistinnen und Journalisten aus allen Landesteilen nach Recklinghausen kamen.
Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Streitgespräch darüber, wie frei Journalisten in ihrer Darstellung sein dürfen, um Auflage und Quote zu erreichen. Tom Kummer, der legendäre Interviewfälscher aus Los Angeles, verteidigte seine frei erfundenen Begegnungen mit Hollywoodgrößen als unterhaltsame Lektüre. Er sieht sich bis heute zu Unrecht in der Rolle des "Bad Boy". Die Redaktionen hätten das damals so gewollt. Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen hielt dagegen: Die Redaktionen hätten durchaus nach Belegen gefragt, aber Kummer habe sich der Diskussion verweigert. Und was den Erfolg angeht, zeigte sich Prof. Pörksen überzeugt: „Sie müssen nichts erfinden, um erfolgreich zu sein - Sie müssen einfach härter arbeiten.“
15 Foren und Werkstattgespräche mit mehr als 40 prominenten Referentinnen und Referenten aus allen Medienbereichen standen auf dem Programm. Sie boten den Besuchern Einblicke in die Gegenwart und die Zukunft der Branche. Ein Fazit vieler Runden: In der veränderten Medienwelt sind Innovation, Professionalität und Qualität gleichermaßen gefordert, um in Zukunft bestehen zu können. Umso entscheidender ist für den DJV, dass Verlage und andere Medienunternehmen dafür die Voraussetzungen schaffen. Sonst droht dem Journalismus die Gefahr, im Wettlauf um die fähigsten Köpfe auf der Strecke zu bleiben: „Andere Branchen haben den Medien in Sachen Attraktivität den Rang abgelaufen“, sagte DJV-Landesvorsitzender Helmut Dahlmann - denn die materiellen Bedingungen haben sich für freie wie für festangestellte Kollegen in den vergangenen zehn Jahren deutlich verschlechtert.
Dabei zeigten viele Diskussionen beim Journalistentag in Recklinghausen, an dem erneut viele Studierende teilnahmen: Wer sich für den Journalistenberuf entscheidet, tut dies oftmals aus Leidenschaft. „Ich bin sehr motiviert, weil ich den tollsten Job der Welt machen darf“, so Anorte Linsmayer im Forum Perspektiven. Chancen für freie Journalisten eröffnen sich zum Beispiel im Bereich Corporate Publishing für Unternehmen, die immer mehr journalistisch hochwertige Print- und Onlinemedien herausgeben, oder durch professionelle multimediale Aufbereitung von Inhalten. Allerdings sind hier auch Querschnittsqualifikationen gefragt: Die Freien müssen für diese Aufträge oft mehr mitbringen, als gut schreiben zu können.
So war auch die Produktion und Nutzung von Bewegtbildern für das Internet ein wichtiges Thema des Journalistentags, etwa im Forum Bild (under anderem mit "Videopunk" Markus Hündgen) und im Forum neue Formate (mit Daniel Fiene und Christian Jakubetz). Erstmals bot der Journalistentag auch Workshops zu zukunftsweisenden Formaten wie Apps oder Vodcasts an. Sie wurden ebenso gut angenommen wie zum Beispiel das sehr unterhaltsame Werkstattgespräch zum "Traumjob Kolumnist" mit Hajo Schumacher und Hans Zippert. Etwas trockener dagegen die Frage im Forum Rundfunk, wie stark sich Programm-Macher heute von Zielgruppen-Analysen leiten lassen.
Das Thema Grenzverletzungen, das mit den Interviewfälschungen schon den Auftakt geprägt hatte, fand am Nachmittag beim Forum Recht seine Fortsetzung. Hier diskutierten prominente Gerichtsreporter wie Gisela Friedrichsen (Spiegel) und der ARD-Rechtsexperte Karl-Dieter Möller unter anderem mit dem Kachelmann-Anwalt Prof. Dr. Ralf Höcker über die schwierige Gratwanderung zwischen fundierter Berichterstattung und der Sensationslust der Medien. Dabei wurde deutlich: Klassische journalistische Tugenden dürfen im Kampf um Quote, Auflage und Schnelligkeit nicht auf der Strecke bleiben.
Tolles Programm mit interessanten Referenten, aktuellen Themen und viel Nutzwert, reibungsloser Ablauf: Die Organisatoren bekamen "im Vorbeigehen" viel positives Feedback. Der Journalistentag NRW hat sich offensichtlich für viele als feste Größe im Jahresablauf etabliert - und sie interessiert den Nachwuchs.
„Wir sind sehr zufrieden und hocherfreut, dass auch in diesem Jahr wieder sehr viele junge Kolleginnen und Kollegen aus allen Medienbereichen gekommen sind, um die Trends im Journalismus zu analysieren und für sich nutzbar zu machen“, erklärte der DJV-Landesvorsitzende Helmut Dahlmann. Positiver Nebeneffekt: Manches Nicht-Mitglied nahm am Nachmittag direkt die Aufnamenunterlagen mit.
Alle Fotos: DJV-NRW
Bildzeilen:
oben: Gut besuchtes Streitgespäch mit dem Interview-Fälscher Tom Kummer aus Los Angeles, Dr. Frank Überall und (verdeckt) Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler der Uni Tübingen.
Mitte: DJV-Landesvorsitzender Helmut Dahlmann eröffnete den Journalistentag.
unten: Prominent besetztes Forum Recht: Gisela Friedrichsen (Der Spiegel) und Karl-Dieter Möller, langjähriger ARD-Rechtsexperte.
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